08:02 > 13:05:2012

„Politik lässt sich nur erläutern,wenn man die Konflikte, Paradoxa und reziproken Kollisionen zeigt, aus denen jede Geschichte gewebt ist. Die Montage wäre für die Formen, was die Politik für die Handlungen ist.“
Georges Didi-Huberman *
Das tägliche Informations- und Emotions-Dickicht, in dem wir leben, zeitigt eine kolossale kollektive Blindheit. Als würden alle es von Tag zu Tag mehr darauf anlegen, nicht mehr zu sehen — auf die Gefahr hin, dass jegliches Denken auf der Strecke bleibt. Man strebt nach neuen Bild-Modalitäten, die sich weigern, dem individuellen emotionalen Vibrato zu schmeicheln; stattdessen sollen sie eine kollektive Adresse bedienen. Auseinandersetzung mit einer Form von Bewusstsein für die Welt, die einem wieder das Gefühl gibt, daran teilzuhaben: So könnte heute ein dringendes Gebot für das Bild lauten. Erzeugt doch das konventionelle, in weiten Teilen mediengesteuerte Kontinuum der Darstellung nur mehr einen Eindruck von Unbeteiligtheit.
Affinitäten, Risse & Anziehungskräfte ist eine Ausstellung über die Rolle des Dokuments und der politischen Kraft der Kunst als Alternative zum medialen Konsens und zur visuellen Kontrolle der Umwelt durch die Wirtschaft. In einem Kontext allgemein verbreiteter Blick-Abstumpfung muss das erschreckende Gefühl der Gleichgültigkeit, wie es jeder Einzelne angesichts immer gravierender Ereignisse in der Welt verspürt, den Gehalt der Bilder wie auch die Art und Weise hinterfragen, in der diese zu uns gelangen. Zwar findet das Politische in gewissen Themen wie dem Krieg oder der Gewalt der Welt einen deutlichen Ausdruck, doch verlangt es auch, dass man die Realisierungsprozesse der Bilder — über das Sujet hinaus — näher unter die Lupe nimmt.
Affinitäten, Risse & Anziehungskräfte ist eine Gemeinschaftsausstellung, zum Teil bestehend aus Stücken der ständigen Sammlung des Frac Alsace. Wenngleich die Videokunst einen breiten Raum einnimmt, werden auch Fotografien oder Installationen gezeigt, die sich den zeitlichen oder erzählerischen Konstruktionsprozessen, wie sie dem Bild in Bewegung eigen sind, in anderer Form nähern — zugunsten einer neuen Blick-Ökonomie. Zeit-Raum-Verschiebungen, Dehnungen, Dissonanzen und Manipulationen, doch auch ein neuer Zugang zu Fiktion und Narration, eröffnen Forschungsfelder im Bereich der Bildrezeption und laden ein, diese zu überdenken.
Hinter ihrem augenscheinlichen Realismus sind die Werke Auslöser für die Fiktion, schaffen Systeme, die sie zu Visions-Fallen machen. Sie erfinden eine polemische Beziehung zum Realismus der Information.